Aladar Polak – Tagebücher

Drei Hefte auf Reisen, Aleksandar Ajzinberg

Mein Urgroßvater, Filip Polak, heiratete im Jahre 1851 die in Zemun geborene Fani Hercel. Anfangs waren die beiden arm und verkauften Gemüse auf dem Markt in Zemun. Durch Arbeit und geschicktes Handeln ging es nach oben – was sich auch auf die Erziehung ihrer Kinder auswirkte: Das Älteste konnte kaum lesen und schreiben, während die jüngeren eine immer bessere Ausbildung erhielten.
Meine Urgroßmutter Fani brachte zehn Kinder auf die Welt, wovon nur fünf die damals meist tödlichen Kinderkrankheiten überlebten: Hana, Julius, Perla, Rozalija, Aladar und Jozef. Aladar war der vorletzte in der Reihenfolge, geboren in Zemun im Jahre 1890, zu einer Zeit, als die Save in diesem Teil des Landes die Grenze bildete: auf der Südseite lag Serbien und im Norden Österreich-Ungarn. Er lebte insgesamt 25 Jahre, doch es scheint mir, als ob sein mir nur unzureichend bekanntes Leben Teil eines geheimnisvollen Kreislaufs ist.
Deswegen habe ich mich entschlossen, das, was ich von ihm weiß, aufzuzeichnen.

I

Den Erzählungen meiner Großmutter Rozalija und den überlieferten Fotos gemäß, war ihr Bruder Aladar ein sehr hübscher junger Mann, ein wenig kränklich, und (vielleicht deswegen) sehr den Büchern zugeneigt. Schon früh hat er begonnen sich mit der Dichtkunst zu befassen. Vor kurzem habe ich ein kleines Buch mit seinen in deutscher Sprache verfassten Reimen gefunden. Er hat diese unter dem Pseudonym Radala herausgegeben.

Er wurde zu einer Zeit geboren, als seine Eltern bereits wohlhabend waren, und hat das Gymnasium in Zemun abgeschlossen. Dann setzte er seine Ausbildung an der juristischen Fakultät in Zagreb fort. Er wollte Anwalt werden und Menschen vor Gericht verteidigen. In einem seiner Gedichte schrieb er, dass er niemals eine Anklageschrift verfassen werde.

Sein Studium beendete er 1914.

Aladar Polak

Während seiner Studienzeit in Zagreb lernte er ein Mädchen kennen und verliebte sich leidenschaftlich in sie. Sobald sein Studium abgeschlossen war, wollten sie heiraten. Bevor er seinen Militärdienst begann, übergab er seinen größten Schatz, die drei Hefte, seiner Herzallerliebsten zur Aufbewahrung. Als er vom Militärdienst zurückkehrte, fand er ihre Wohnung leer vor, und die Hefte waren verschwunden. Sie hatte einen anderen geheiratet.

II

Als Österreich-Ungarn Serbien den Krieg erklärte, wurde Aladar eingezogen. Er wollte aber nicht auf Menschen schießen, nur weil sie auf der anderen Seite des Flusses lebten. Deswegen bestieg er nicht den Zug an die Front, sondern warf sich vor ihn. Im letzten Moment zog ihn ein Kamerad von den Schienen. Aladar wurde in ein Budapester Lazarett gebracht. Ein dort aufgenommenes Foto zeigt ihn im Kreis der Ärzte und Patienten, aber irgendwie abseits, im Hintergrund, als ob er nicht dazu gehört. Dank guten Ärzten überlebte er die Amputation, aber zog sich bald eine schnell fortschreitende Tuberkulose zu. Er starb am 25. Dezember 1915 in einer Lungenheilanstalt. Nach einigen Jahren wurden seine sterblichen Überreste auf den jüdischen Friedhof nach Zemun überführt.

Etwas mehr als fünfzig Jahre später lernte ein entfernter Verwandter von mir, Vidoje Tomović, in Temeschwar einen alten Juden kennen, mit dem er sich anfreundete. Dieser war ein recht wohlhabender, kinderloser Witwer und hatte beschlossen, seine Habseligkeiten zu verkaufen. Er hieß mit Nachnamen Pollak. Er hatte mit der gleichnamigen Familie aus Zemun allerdings keinerlei verwandtschaftliche Beziehungen. Aus dem Besitz seiner verstorbenen Frau hatte er drei Hefte mit den handgeschriebenen schriftlichen Aufzeichnungen eines gewissen Aladar Pollak, mit dem die Verblichene während des Ersten Weltkriegs in Zagreb irgendwie bekannt war. Vidoje entschied sich, die Hefte dem Alten abzukaufen. Er brachte sie zu meiner Großmutter Rozalija, weil er wusste, dass deren Mädchenname Pollak war. Es stellte sich heraus, dass es tatsächlich die drei verlorengegangenen Hefte Aladars waren.

Nach dem Tod meiner Großmutter hat meine Mutter sie dem Jüdischen Museum in Belgrad übermacht. Nun warten sie nach so vielen Jahren immer noch auf ihre Entzifferung.

Aleksandar Ajzinberg.
Aus dem Serbischen übersetzt, gekürzt sowie leicht modifiziert von Katarina Stojanović und Andreas Roth.