Aladar Polak – Tagebücher

Wir entziffern eine Kindheit

Am 15. Mai 2015 wurde in der Galerija Fresaka das Buch „To je bio samo piknik“ vorgestellt, die Kindheitserinnerungen von Reli Alfandari, einer Belgrader Jüdin, die in einer Speisekammer versteckt den Zweiten Weltkrieg überlebte. Ich hatte die Ehre, mit auf dem Podium zu sitzen, da wir zu diesem Zeitpunkt an der Deutschen Schule Belgrad dieses Buch ins Deutsche übersetzten. Es wurde dann unter dem Titel „Zuckerschlecken“ von uns herausgegeben und ist in zweiter, privat begebener Auflage, auf heute noch über die Schule erhältlich:

https://www.dsbelgrad.com/zuckerschlecken/
http://www.audioifotoarhiv.com/Promocije/Piknik-u-spajzu.html

Am Ende der Buchpräsentation, alles war bereits im Aufbruch, wandte sich ein älterer Herr in deutscher Sprache an mich. Er stellte sich als Aleksandar Ajzinberg vor und berichtete mir von drei schwarzen Notizbüchern. Diese enthielten die in Sütterlinschrift zu Papier gebrachten Notizen seines Vorfahren, Aladar Pollak bzw. Polak. Leider könne er, Herr Ajzinberg, die alte deutsche Schrift nicht entziffern. Entstanden seien die Büchlein wohl kurz vor dem Ersten Weltkrieg, welchen Aladar Pollak auf tragische Art und Weise nicht überleben sollte. Aufgewachsen sei der früh Verstorbene in Zemun (Semlin), gedichtet habe er auch, zudem sei er überzeugter Zionist gewesen. Eine unglückliche Liebesgeschichte wurde ebenfalls von meinem Gesprächspartner angedeutet. Von diesem Augenblick schlug die Geburtsstunde des zweiten Kindheitserinnerungen-Projekts.

Zusammen mit einem sich seelsorgerisch in Belgrad umtuenden evangelischen Pastor, einer Stadtarchivarin, einer Schulkollegin und mehreren Schülerinnen setze ich mich, Aladar Pollaks Ausführungen zu entziffern und abzutippen. Ein mühseliges Unterfangen, da Aladar wohl keine Eins im Fach Schönschreiben verdient hat. Aber dafür bieten seine Notizen immer wieder überraschende Einblicke in das Leben eines jungen Juden in Semlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er schreibt über die Küfer und ihr Handwerk, über Lausbubenstreiche, Kloppereien im Stadtpark, Kinderspiele, schrullige Lehrer und packt an mehreren Stellen eigene Gedichte mit dabei.

Unsere Pojekt ist als eine Art „Work in Progress“ zu verstehen. Zunächst wird man auf der Seite des Deutsch-Serbischen Geschichtsvereins nicht mehr als die digitalisierten Einzelseiten der drei Hefte sehen. Dann werden wir nach und nach unsere Dechiffrierarbeit hinzufügen. Wir appellieren an die Leserschaft, uns bei der Füllung einiger Entzifferungslücken zu helfen. Wir hoffen auch auf die Mithilfe des Internetpublikums bei der Suche nach weiteren Notizheften von Aladar Pollak, da die uns vorliegenden drei Exemplare bestimmt nicht die einzigen waren.

Parallel dazu werden wir weitere Quellen über Aladar Pollak einstellen, nach und nach Fotos, seine Schulzeugnisse, vielleicht auch seinen 1914 erschienenen Gedichtband „Frühlingsblüten-Frühlingsreif“, von dem uns nur ein einziges überlebendes Exemplar bekannt ist. Wer übrigens nähere Bekanntschaft mit dem Dichter schließen möchte, der gehe auf den Zemuner Friedhof, wo sein Grabstein noch immer steht. Allerdings mit einer nicht ganz richtigen Inschrift. Doch auch dazu erst später mehr.
Wenn alle Seiten transkribiert sind, hoffen wir, diese ins Serbische zu übersetzen, um dann eine Monographie daraus zu basteln, mit den handschriftlichen und den transkribierten Originalen, der serbischen Übersetzung und weiteren Dokumenten und Fotos zu Aladar Pollak.

Und vielleicht wird es dann wieder eine Buchvorststellung in der Galerija Fresaka geben.

Andreas Roth

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