Deutsch-serbische Erinnerungsorte

Martin Maria Reinkowski

Von Kragujevac zu Georg Weiffert

Wie schwer es ist, im deutsch-serbischen Verhältnis zu positiv besetzten Bildern zu gelangen

Welches Bild haben die Deutschen und Österreicher von den Serben? Und wie ist es umgekehrt?

Lassen sich diese Bilder, schwer belastet von der jüngeren und jüngsten Geschichte, zusammenbringen oder ins Positive kehren? Eine ungeheuer schwierige Frage und Aufgabe, an die sich die Konrad-Adenauer-Stiftung in Belgrad mit einer Podiumsdiskussion wagte. Die fünf Historiker auf dem Podium waren sich jedenfalls einig, dass es eher die schrecklichen Ereignisse sind, welche die Erinnerung prägen.

Die Ausgangslage ist äußerst schlecht. Woran denkt ein Deutscher oder Österreicher beim Stichwort „Serbe“ zuerst? Sicher an Srebrenica, den Massenmord an 8000 Bosnjaken durch bosnische Serben im Jahr 1995. Und woran denkt ein Serbe beim Stichwort „Deutsche und Österreicher“? Er denkt an Kragujevac, die Ermordung von mehr als 2300 Zivilisten durch die deutsche Wehrmacht im Jahr 1941, darunter hunderte von Schülern. „Jedes serbische Schulkind kennt diese leidvolle Episode“, sagte Dr. Zoran Janjetović, Forscher vom Institut für die Neuere Geschichte Serbiens, der in die Diskussion einführte. Bei einer ähnlichen „Sühneaktion“ erschoss die Wehrmacht im benachbarten Kraljevo sogar 4000 bis 5000 Zivilisten. Kriegsverbrechen, die sich tief ins serbische Bewusstsein eingegraben haben, die aber in Deutschland und Österreich so gut wie unbekannt sind.

Der Schriftsteller Nenad Stefanović, der den Abend moderierte, sprach einen weiteren „Erinnerungsort“ der Serben an – die SS-Waffen-Division Prinz Eugen, in der vor allem sogenannte Volksdeutsche aus dem Banat in der Vojvodina dienten, und die als überaus grausam galt im Kampf gegen die jugoslawischen Partisanen. „Deutsch-serbische Erinnerungsorte“ war das Thema dieser Podiumsdiskussion, zu der auf Initiative des deutsch-serbischen Geschichtsvereins die Konrad-Adenauer-Stiftung und das Österreichische Kulturforum eingeladen hatten. Der Wiener Historiker und emeritierte Professor Arnold Suppan, Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, nahm Prinz Eugen in Schutz, der ein „erfolgreicher Feldherr der Habsburger“ gewesen sei. Die Nationalsozialisten hätten seinen Namen missbraucht. Suppan räumte ein, dass die Bombardierung Belgrads vom 6. April 1941 ein österreichischer Wehrmachtsoffizier zu verantworten hatte, nämlich Alexander Löhr. Jedenfalls seien die „Schwaben“ am Ende des Zweiten Weltkriegs aus Jugoslawien vertrieben worden.

Was besonders tragisch deshalb war, weil die Donauschwaben in der Vojvodina erst durch das Dritte Reich nationalisiert wurden, wie Dr. Michael Portmann ausführte, Forscher am Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Die „Schwaben“ hätten sich zuvor zum Beispiel über ihre Sprache und Konfession definiert, nicht über ihre Nationalität. Dass die Identitäten gerade in der multiethnischen Vojvodina fließend
waren, demonstrierte Portmann am Beispiel von Georg oder Djordje Weifert. Der Bierbrauer aus dem Städtchen Pančevo, geboren 1850 noch im Kaisertum Österreich, römisch-katholisch und Freimaurer, erhielt 1872 die serbische Staatsbürgerschaft, wurde zum Gouverneur der Nationalbank Serbiens, nach dem Ersten Weltkrieg zum Chef der Nationalbank des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen. War der Mann, dessen Profil heute auf dem 1000-Dinar-Schein abgebildet ist, Österreicher? Serbe? Donauschwabe? Er sah sich selber schließlich als Serben, so Michael Portmann.

Wobei das Wort Švabe vieldeutig ist, wie Zoran Janjetović erklärte. Steht es heute für die Deutschen, so war früher damit die deutsche Minderheit in der Vojvodina gemeint; sogar die Serben, die in Österreich-Ungarn lebten, wurden Švabe genannt. Jugo-Švabe sind heute alle Jugoslawen, die als Gastarbeiter nach Österreich und Deutschland gegangen und dort geblieben sind.

Während die Deutschen und Österreicher ein sehr einfaches Bild von Serbien und den Serben haben, denen sie die Alleinschuld am Zerfall Jugoslawiens und am Bürgerkrieg zuschieben, so haben die Serben ein durchaus differenziertes Bild Deutschlands und Österreichs. Dieses Bild erläuterte Zoran Janjetović: Demnach war Wien über Jahrhunderte ein „deutscher“ Ort für die Serben. Der große serbische Sprachwissenschaftler Vuk Stefanović Karadžić hat 50 Jahre lang in Wien gelebt, und er ist auch das Bindeglied zur deutschen Klassik: Vuk besuchte Goethe in Weimar, der einige seiner Volksgedichte ins Deutsche übersetzte; Vuk stand im Briefwechsel mit den Brüdern Grimm, die ihn dazu ermuntert hatten, diese Gedichte zu sammeln; und Leopold Ranke schrieb anhand von Vuks Berichten seine „Geschichte der serbischen Revolution“, nämlich des ersten serbischen Aufstands gegen die Osmanen von 1804. „Erinnerungsorte“, die sich im Bewusstsein der Serben erhalten haben, die aber nicht zum deutschen und österreichischen Bildungskanon gehören.

Das trifft auch auf das Treffen von Kaiser Friedrich Barbarossa mit Stefan Nemanja zu, dem Gründer der mittelalterlichen Dynastie der Nemanjiden. Barbarossa traf Stefan im Jahr 1189 in der Stadt Niš. Der deutsche Kaiser führte da den dritten Kreuzzug nach Jerusalem an. Wenn die serbische Seite diese Episode heute übersteigert, so vergisst sie dabei, dass schon beim nächsten Kreuzzug die Ritter aus dem Abendland im Jahr 1204 die Stadt Konstantinopel plünderten und damit das byzantinische Reich vernichteten, Ausgangspunkt des orthodoxen Glaubens.

Starken Einfluss übte die deutsche und österreichische Kultur auf Serbien aus über die Generationen von jungen Serben, die in Städten des deutschen Sprachraums studierten. Gerade das Bauwesen und die Architektur in Belgrad sind davon nachhaltig geprägt, wie Dr. Ljubinka Trgovčević Mitrović ausführte, emeritierte Geschichtsprofessorin an der Politikwissenschaftlichen Fakultät in Belgrad. Die serbischen Stipendiaten hätten fast ausschließlich in Deutschland und Österreich studiert.

Die Erinnerung an Österreich-Ungarn, seine Wirtschaft und Kultur sei heute „lichter“, so Zoran Janjetović. Dass die Grenzer, also die serbischen Wehrbauern von der Kriegsgrenze gegen das Osmanische Reich, europaweit für Wien Kriege führen mussten, und dass die Truppen der Doppelmonarchie im Ersten Weltkrieg in Serbien Kriegsverbrechen verübten, stehe im Hintergrund. Die Erinnerung an die Anwesenheit Deutschlands und der Doppelmonarchie im Ersten Weltkrieg werde mit zahlreichen Denkmälern gepflegt, wie Dr. Olga Manojlović Pintar sagte, Mitarbeiterin des Instituts für die Neuere Geschichte Serbiens. Pintar beschrieb vor allem die Soldatenfriedhöfe oder Kriegsgräberstätten in Smederevo an der Donau südlich von Belgrad sowie in Čačak in Südwest-Serbien.

Im Tito-Jugoslawien, also nach dem Zweiten Weltkrieg, hat man tatsächlich versucht, auch positive Erinnerungen an die deutschen Besatzer zu schaffen, erzählte Ljubinka Trgovčević Mitrović. So sei die Erzählung entstanden von dem deutschen Soldaten Josef Schulz, der sich geweigert hatte, an der Erschießung von Partisanen teilzunehmen, und deshalb selber erschossen wurde – sogar ein Film erzählte davon. Trotzdem war alles Legende, diese Heldentat hat nie stattgefunden.

Michael Portmann deutete an, wie das gegenseitige Bild von Deutschen, Österreichern und Serben besser werden könnte. Man solle nicht über „Wir“ und „Die“ reden – „nicht wir haben den Weltkrieg geführt oder verloren“. Wer auf das „Wir“ und „Die“ verzichte, könne Emotionen herausnehmen, „so wäre schon viel gewonnen“.

„Wir sollten zu positiv besetzten Erinnerungsorten kommen“, wünschte sich Sabine Kroissenbrunner, stellvertretende Botschafterin der Republik Österreich, zum Abschluss der Debatte. Sie widersprach Professor Suppan, der gesagt hatte, der Bürgerkrieg der 1990er Jahre habe keine Auswirkungen gehabt auf die serbische Community in Wien. Die Kriege hätten sehr wohl Konflikte in die jugoslawischen oder postjugoslawischen Vereine getragen, so Kroissenbrunner. In Österreich lebten 300 000 Menschen, die aus Serbien stammten, ein Drittel davon habe noch die serbische Staatsbürgerschaft. Leider gebe es nur wenig Interesse bei jungen Österreichern, in Belgrad zu studieren, während umgekehrt viele junge Serben nach Österreich kämen.

Der Bundestagsabgeordnete Volkmar Klein (CDU), der als Gast zu der Diskussion gekommen war, erinnerte an die gemeinsamen europäischen Werte wie individuelle Rechte und die Würde jedes Einzelnen. „Wir müssen uns in Europa viel mehr Gedanken darüber machen, was uns zusammenhält, was uns gemeinsam trägt. Wir müssen wissen, was uns wirklich verbindet.“ Deshalb sei die Gründung des deutsch-serbischen Geschichtsvereins eine „ganz tolle Idee“. Dieser könne helfen, die „Gemeinsamkeiten innerhalb Europas“ zu diskutieren und zu pflegen.

Norbert Beckmann, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Belgrad und damit Veranstalter des Abends, hatte die rund 70 Gäste der Podiumsdiskussion begrüßt: „Die erste Veranstaltung des Geschichtsvereins, die erste Veranstaltung in den neuen Räumlichkeiten der Stiftung. Wenn das nicht Geschichte ist.“